Demenz – Das Ende der Selbstbestimmung?

5. Zürcher Demenzsymposium

Selbstbestimmung ist als ethische und medizinische Grundnorm etabliert und hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Dass Menschen mit Demenz ihre Selbstbestimmungsrechte nur noch teilweise oder gar nicht mehr wahrnehmen können, stellt für sie und ihr Umfeld eine besondere Herausforderung dar. 

Pflegende und Institutionen sind gefordert, ein Gleichgewicht zwischen Autonomie und Fürsorge zu finden. Welche Rolle Betreuende sowie Institutionen dabei spielen und ob dies nicht auch eine gesellschaftliche Aufgabe ist, wurde am Zürcher Demenzsymposium vom 4. Juni 2024 aus verschiedenen praxisbezogenen Perspektiven beleuchtet.

Im ersten Referat ging das Publikum mit einem ethischen Rucksack auf eine virtuelle «Wanderung durch den Nebel des Vergessens». Dabei erfuhren die Teilnehmenden, welche Angebote einer personzentrierten und familienorientierten Ethik in herausfordernden Situationen im Praxisalltag beispielsweise von der Stiftung Dialog Ethik zur Verfügung stehen.

Anhand von konkreten Beispielen mit Menschen mit Demenz lernten die Anwesenden, dass die Urteilsfähigkeit nie generell beurteilt werden kann. Sie ist stets für einen bestimmten Zeitpunkt und mit Blick auf ganz konkrete Entscheide zu klären. Dabei ist zu beachten, dass auch eine in ihrer Urteilsfähigkeit beeinträchtige Person in der Entscheidfindung unterstützt werden kann.

Das Hirntheater machte eindrücklich erlebbar, dass in Situationen einer Demenzerkrankung die Selbstbestimmung für alle Beteiligten eine Herausforderung ist. Das Publikum war gefordert, das eigene Verhalten in der Begleitung von Menschen mit Demenz zu reflektieren, sowohl im Podiumsgespräch als auch in der direkten Interaktion mit den Schauspieler:innen.

Auch die soziale Teilhabe von Menschen mit Demenz, also dass sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und sich einbringen können, ist für die Selbstbestimmung relevant. Dies zeigte Martina Hersperger, Geschäftsführerin der Plattform Mäander, in ihrem Referat «Soziale Teilhabe von Menschen mit Demenz – was wir dazu beitragen können». Ihre Kernaussagen:

Die soziale Teilhabe von Menschen mit Demenz ist wichtig, weil sie

  • Das Gefühl von Zugehörigkeit und Wertschätzung fördert
  • Zu einer besseren emotionalen und psychischen Gesundheit beiträgt
  • Den kognitiven Abbau verlangsamen kann, indem soziale Interaktionen und Aktivitäten geistige Stimulation bieten

Deshalb ist die soziale Teilhabe von Menschen mit Demenz eines der Hauptanliegen der Stiftung Plattform Mäander.

Vortrag

 

Zwei einfache Möglichkeiten, was wir als Individuen zur sozialen Teilhabe beitragen können

  • Unterstützen, wenn eine Person mit einer demenziellen Erkrankung Hilfe benötigt, sei es in der Nachbarschaft, im Lebensmittelgeschäft oder im ÖV
  • Sich dafür einsetzen, dass Demenzbetroffene auch in gesellschaftliche Aktivitäten, wie wir sie selbst erleben, eingebunden sein können

Im nächsten Referat wurde schnell klar, dass es keine per se «gute» oder «schlechte» lebensdienliche Technik gibt. Um dies zu beurteilen, müssen Bedarf, Kontext und (un-)erwünschte Effekte bekannt sein. Initiativen wie SimDeC – eine Wohnung mit Technik zum Anfassen – fördern den Austausch mit der Öffentlichkeit über Wünsche, Erwartungen und Befürchtungen zu den Themenfeldern Demenz, Wohnen und Technik.

Ein Erfahrungsbericht aus dem Juradorf Wiedlisbach rundete die Tagung ab. Ein Kennzeichen dieses sogenannten «Demenzdorfs» ist der sehr grosse Aussenraum im Sinne eines Dorfareals. Der Laden hat sich als beliebter Treffpunkt etabliert. Eine besondere Herausforderung für die Mitarbeitenden kann hingegen die Durchmischung von pflegerischen und hauswirtschaftlichen Aufgaben und Funktionen sein.